Emanzipiert?

Emanzipation – das Thema scheint erledigt. 50 Jahre jetzt in aller Munde; wir kennen und praktizieren den alten Spruch „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“.

Aber: So einfach scheint das doch nicht zu gehen. Gute Emanzipation – das sieht eher nach Arbeit aus, und zwar lebenslänglich, von jung an bis uralt. Also nicht ein kräftiger Ruck – und danach ist die Sache geklärt, sondern anders: immer wieder Aufbrechen aus Grenzen, die sich übel bemerkbar machen. Ein Aufbrechen aus Abhängigkeiten, die nicht selbständig sein lassen. Die die Freiheit nur in Gedanken stattfinden lassen, aber nicht im Leben. Nach außen hin mag man sich befreit haben von Vorgaben, Weltanschauungen, Meinungen – aber von Lebensmustern, die sich negativ bemerkbar machen, nicht. Ausbrechen ist nicht Aufbrechen.

Im Bild: Da haben wir unser Lebensboot, das auf Kurs gehen will, aber irgend ein Seil hält das Boot immer wieder neu am Hafenkai fest. Eigentlich sollte das Seil das Segel in den Wind halten und das Boot auf Kurs bringen.

Aber wie denn aufbrechen? Wie dem Seil eine Lösung verpassen, es lösen, wo es festhängt, und es da anbinden, wo es nach vorne bringt? Wir begegnen einer Grenze: Der gewohnte Hafen hat Macht – er ist erprobt, er ist überschaubar, er gibt Sicherheit. Aber der Preis ist Abhängigkeit. Vertrackt.

Ein guter Spruch gibt jedenfalls den ersten Impuls, dass das Lebensboot eben nicht bloß in den Hafen gehört: „Das Glück ist ausgerechnet immer da, wo ich gerade nicht bin.“ Eine erste Bemerkung in Richtung Freiheit.

Machen wir aus dieser Feststellung eine Perspektive: „Das Nicht-Glück könnte Fingerzeig sein zum Glück.“ Resignation als Signal zum Aufbruch.

Das passt besser zu uns: Das Nicht-Glück, das Unglück als Erinnerung zum Aufbruch. Warum nicht darauf das Nein zum Festgelegtsein sprechen und sich auf die Suche nach einer echten Alternative machen?

Ein Haken ist dabei: Gute Emanzipation geht nicht allein.

Sich selbst lösen, das braucht einen anderen Horizont als den sicheren und gewohnten Hafen. Das braucht Raum – einen Raum einmal ganz abseits vom Gewohnten: Es muss sichtbar werden, was wo festhängt. Und das geht nicht allein. Wir brauchen ein Gegenüber. Bei aller Liebe zur Freiheit. Es geht auch nicht von selbst. Weil das, woran wir hängen, zu stark ist. Es braucht eine andere, eine ungewohnte Perspektive. Etwas, was dem Gewohnten sehr quer kommt. Daher braucht es immer wieder auch ein Gegenüber, das Gegengewicht ist gegen die Macht des Gewohnten. Zur Emanzipation gehört der andere mit seinem manchmal anstößigen Blickwinkel. Der, der uns gegenübertritt und dabei doch an unserer Seite ist. Der Mut zum Wagnis macht. Der – und jetzt noch einmal das Bild vom Boot – es uns wagen lässt, das Seil, das am Hafenkai festhält, da anzubinden, wo es in Richtung Ziel geht.

Ohne Anbindung geht das Leben wohl nicht. Und ohne Gegenüber auch nicht. Das ist der Wermutstropfen in Sachen Emanzipation. Aber beides, Gegenüber und Ziel, ist eben Chance. Und das überwiegt.